Max Schumacher, Posttheater (Statementausstellung)

Im Gespräch mit dem OPEN OHR Festival

OPEN OHR Festival: Was hätten Sie spannend an dem Thema Keinraumwohnung gefunden? 

Max Schumacher: Das Thema der Wohnungskrise habe ich schon seit vielen Jahren spannend gefunden, sonst hätten wir ja nicht “House of Hope” entwickelt. Spannend ist daran, dass plötzlich nicht mehr die soziale Ungerechtigkeit über Ausbildung oder Einkommen definiert werden kann, sondern über die Wohnsituation. Selbst Menschen mit guter Ausbildung und/oder gutem Gehalt können nicht immer so wohnen, wie sie das wollen, oder werden vom Wohnen ärmer. Natürlich korreliert das oft. Aber es gibt eben völlig unterschiedliche Situationen: manche Leute mit alten Mietverträgen zahlen vielleicht nur ein Viertel ihres Einkommens für das Wohnen, und andere, die wegen Nachwuchs z. B. umziehen, müssen mehr als die Hälfte für eine viel zu schicke Wohnung im falschen Viertel zahlen.

Die stereotypen Vorstellungen von sozialer Ungerechtigkeit werden mit diesem Thema aufgebrochen. Außerdem spiegeln sich sehr viele Themenbereiche in der Wohnungsfrage wider: die Versingelung, die Überalterung, Patchwork-Familien etc. - weil eben alle Menschen wohnen, die Lebenssituationen aber immer heterogener werden. Gleichzeitig ist der Wohnungsmarkt überwiegend auf bestimmte MieterInnen-Konstellationen ausgerichtet, und die Wohnungsarchitekturen - gerade auch von Neubauten, sind erstaunlich homogen und nach einem klassischen Nutzungsmodel orientiert. Noch immer denken Menschen in Schlaf-Zimmern, Kinderzimmern, Gästebad etc. Noch immer werden Wohnungen mit starren Wänden gebaut, auch wenn die gar nicht mehr tragen. Noch schlimmer: es werden noch immer Einfamilienhäuser gebaut. Als ob wir noch Bauern wären. Dabei ist das ökologisch und stadtplanerisch Unsinn, einer Handvoll Menschen ein eigenes Haus zuzugestehen. Und am Ende wohnen da nur noch zwei alte Menschen, die es nicht mehr in den ersten Stock hoch schaffen…

Ebenfalls ist spannend, wie viele Menschen nur brüllen: “Die Mieten müssen runter!” Dabei sind die hohen Mieten ja nur die Folge einer katastrophalen Wohnungsbaupolitik und dem Mangel echten sozialen Wohnungsbaus. Die Vorstellungen von Besitz müssen sich ändern. Es gibt eben mehr als nur Miet- und Eigentumswohnungen - nämlich Genossenschaftswohnungen - da sind die BewohnerInnen MitbesitzerInnen. Warum ist das in Deutschland so schwer, warum gibt es nur wenige Genossenschaften? In Wien wohnt die Mehrheit der Bevölkerung in Genossenschaftswohnungen. 

OPEN OHR Festival: Was sind aus Ihrer Sicht die relevantesten Probleme in Bezug auf das Wohnen in der aktuellen Situation und für die Zukunft?

Max Schumacher: Das größte Problem ist die Fantasielosigkeit sowohl der ImmobilienentwicklerInnen - ob nun private oder öffentliche Wohnbaugesellschaften, wie auch die oben beschriebenen Besitzverhältnisse. Eigentlich dürfte nur noch genossenschaftlich besessen werden, und alle Planung müsste die heterogenere gesellschaftliche Wirklichkeit abbilden. Warum gibt es in Häusern nicht mehr gemeinsame Flächen? Nicht jedeR braucht ständig eine Badewanne, aber wenn es ein Whirlpoolbadezimmer für alle in einer Hausgemeinschaft gäbe, würde es allen etwas bringen. Nicht jeder braucht seinen eigenen zu kleinen Balkon, warum sind nicht alle Dächer mit Terrassen für alle im Haus versehen - wo es dann auch genug Platz gibt? In unserem Stück “House of Hope” entwickeln wir eine extreme Bauutopie bei der sehr viel mehr geteilt wird von den BewohnerInnen - natürlich müssen die Menschen das wollen - aber beim Autoverkehr funktioniert das ja auch - immer weniger Menschen wollen ein eigenes Auto besitzen - wenn es denn bei Bedarf verfügbare Autos durch Carsharing gibt. Diese Wende kann beim Wohnen in der Zukunft auch noch stattfinden. Lustigerweise gab es in den frühen Hochhauswohnprojekten der 60er Jahre alle möglichen geteilten Räumlichkeiten, die dann aber nach und nach abgeschafft wurden - auch, weil die Wohnhochhäuser in ihrer Bevölkerungsmischung kippten. Jetzt werden wieder Wohnhochhäuser gebaut - aber nur für die Superreichen. Und da gibt es auch gemeinsame Pools etc. In unserem Stück überlegen wir, wie es wäre, wenn die Bevölkerung einer Stadt in einem Haus genau widergespiegelt wird - und über diese Annehmlichkeiten - von allen geteilt - verfügt. 

Ich bin tatsächlich technikgläubig. Ich bin überzeugt, dass bestimmte Dinge sich gerade wegen Smartphones etc. günstiger verwalten - und teilen lassen. Die als oft als Problem gesehenen Phänomene Verstädterung und Bevölkerungswachstum können auch als Möglichkeitsraum für neue Besitz- und Teilhabe-Modelle gesehen werden, bei denen ein ökologisches und soziales Wohnen durch Neubauten und Umbauten ermöglicht werden könnte.

Übrigens müssen nicht nur die AnbieterInnen von Wohnraum mehr Fantasie entwickeln - auch die Wohnenden sollten sich für experimentellere Wohnungsschnitte, Hausgemeinschaftsmodelle, Besitzverhältnisse etc. interessieren und diese Wünsche formulieren. Klar, “Mieten runter!” ist kurzfristig verständlich, aber “Anders bauen! Anders wohnen!” sind die wichtigeren Forderungen. Dazu müssen Alternativen zum konventionellen Wohnungsbau etc. natürlich auch kommuniziert werden. Oft bleiben StädteplanerInnen und ArchitektInnen mit diesen Diskursen unter sich - diese Debatten müssen öffentlich mit einem breiten gesellschaftlichen Spektrum geführt werden.

OPEN OHR Festival: Was bedeutet es für Sie, dass das diesjährige Festival und viele weitere Veranstaltungen abgesagt werden mussten?

Max Schumacher: Wir - Post Theater - hätten gerne einmal Ihr Festival kennengelernt - gerade auch, weil es von einem BürgerInnen-Team gemacht wird, und weil wir Mainz nicht kennen. Ich mochte den Dialog mit mit dem OPEN OHR Team im Vorfeld sehr. Ich finde es deswegen besonders schade, dass es nicht stattfindet. Generell sind wir als Theaterleute sehr von der Unmöglichkeit von Aufführungen betroffen. Wir glauben nicht an Online-Alternativen, denn unsere Art von Theater lebt vom Dialog mit dem Publikum. Natürlich kann man auch auf Videokonferenzen so etwas wie Feedback bekommen, aber es hat nicht dieselbe Stärke. Wir streamen unsere Arbeiten nicht, und wir machen auch nicht mit beim Online-Auftreten um Präsenz zu zeigen - obwohl wir ja als Medienperformancecompany technisch dazu in der Lage wären. 

Wir leiden nicht nur finanziell, sondern auch ideell. Es macht einfach keinen Spaß, nicht im Austausch mit dem Publikum zu sein. Noch viel schlimmer ist es, dass wir nicht proben können, wie wir wollen. Hoffentlich ändert sich das wenigstens bald. Denn in der Probenarbeit entwickeln wir die besten Ideen, in unserem Team. 

Übrigens zeigt die aktuelle COVID-19-Krise nur um so mehr, wie wichtig das Wohnen ist: wer eine große Wohnung mit Garten oder Balkon hat, hält es besser zu Hause aus, als wer zu eng wohnt, und den öffentlichen Raum braucht - der jetzt verboten oder reguliert ist. Auch ist zu untersuchen, ob für manche Städte der Wohnungsmarkt etwas entspannter wird, weil das Infektionsrisiko auf dem Land geringer zu sein scheint… Die Krise stellt also die Dinge, die uns als Team wichtig sind - Theater und städtisches Wohnen - scheinbar in Frage…

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Foto ©Hiroko Tanahashi

 

©Hiroko Tanahashi