Das Thema

Körperbau

Das Thesenpapier 2018

(1) Am menschlichen Körper manifestiert sich die Beziehung zwischen Mensch und Welt. Er ermöglicht Wahrnehmung, dient als Werkzeug und ist Teil der Identität. Zugleich vollziehen sich über den Körper unzählige Eingriffe auf das Selbst von Außen: Bewegungen werden erlernt, anhand des Körpers werden Kategorisierungen etabliert, Körper können verletzt werden oder als intimes Bindeglied zwischen Menschen fungieren. Körper sind eine Ansammlung von Biomaterie. Sie können aber auch ein Symbol für die eigene Kultur, ein Zentrum für Spiritualität oder einen spürbaren Ausdruck des inneren Wesens darstellen. 
Der Körper ist das, was uns - im wahrsten Sinne des Wortes - durch das Leben trägt. Und so dient er nicht nur der Vergewisserung der eigenen Existenz, er kann auch vereinnahmt werden, muss sich anpassen, wird eingesperrt und kann ausbrechen. Die Welt, wie wir sie erbaut haben, wurde um diese Körper konstruiert. 

Es scheint dem Menschen aber nicht genug zu sein, seine Umwelt zu formen und dadurch die körperlichen Grenzen zu überwinden. Der Mensch träumt seit jeher davon, seinen eigenen Körper zu gestalten und ihn den Ansprüchen und Herausforderungen seiner Umwelt gemäß zu modifizieren. Die Geschichte von Dädalus und Ikarus, in der der Vater für sich und seinen Sohn Flügel baut, um fliegen zu können und damit von Kreta zu fliehen, ist eine der ältesten Erzählungen davon. Das Ende ist allgemein bekannt: Ikarus reizt die „neue“ Technologie zu sehr aus und wird vom tosenden Meer verschlungen. Der Vater muss hilflos zusehen. Eine Veränderung des eigenen Körpers wirkt unmöglich. 

Trotz zahlreicher Rückschläge hat der Mensch sein Ziel nicht aufgegeben und ließ sich dabei auch nicht von gesellschaftlichen Konventionen abhalten. So begannen beispielsweise die Wissenschaftler*innen der Renaissance – getrieben durch das Verlangen zu wissen, wie der Körper von Innen aussieht – Leichname zu sezieren und damit neue Erkenntnisse über den Aufbau des Menschen zu gewinnen. Dieser Wissensdurst bleibt bis heute bestehen. Allerdings wurde vorerst wenig am Körper selbst verändert. Stattdessen wurden technische Hilfsmittel entwickelt, um die Unzulänglichkeiten des Körpers zu mildern bzw. aufzuheben: Es wurden Brillen erfunden, um Sehschwächen auszugleichen, Automobile, um sich schneller fortzubewegen und schließlich Flugzeuge, womit sogar der (utopische) Traum aus der Sage von Dädalus real gemacht wurde.

(2) Diese technischen Errungenschaften können nicht über unsere körperlichen Grenzen hinwegtäuschen: Ein Flugzeug kann uns zwar in ein fernes Land bringen, ein Spaceshuttle ins All – doch bei zu hoher Beschleunigung werden wir ohnmächtig. Und sind wir erst einmal blind, so ist es nur in den seltensten Fällen möglich, das Augenlicht zurückzubringen. Die letzte Grenze wird auch in Zukunft noch unüberwindbar sein: der Tod.

Trotzdem ist der Fortschritt nicht zu unterschätzen. Der Mensch verschiebt dauerhaft und kontinuierlich die Grenzen seines Körpers, indem beispielsweise das medizinische Wissen wächst, die hygienischen Bedingungen besser werden oder die Ernährung optimiert wird. Die aktuelle Lage der Genforschung lässt vermuten, dass diese Entwicklung noch rasanter vonstatten gehen wird. Der Code des Lebens scheint im 21. Jahrhundert zum Greifen nahe; die Wissenschaftler*innen verstehen die Substanz des Körpers zunehmend besser und haben erste Werkzeuge entwickelt, einzelne Geninformationen zu separieren und auszutauschen. Fast nebenbei geschieht ein massiver Paradigmenwechsel. Die Welt muss weniger dem Körper angepasst werden; es werden sukzessive weniger technische Hilfsmittel benötigt, weil man den Körper direkt anpassen, schadhafte Gene direkt aus ihm entfernen, ihn modifizieren, das Aussehen frei wählen, ihn vielleicht irgendwann immun gegen Krankheiten machen kann.

Was schon in der Geschichte von Dädalus und Ikarus anklingt, drückt sich heutzutage in einem ethischen und moralischen Konflikt aus: Inwieweit darf der Mensch in die Natur eingreifen? Sich als Schöpfer*in erheben? Wenn Kinder bereits im Mutterleib modifiziert werden können, um Schönheitsidealen oder Leistungsanforderungen gerecht zu werden, muss die Frage gestellt werden, ob es in Ordnung ist, diese Entscheidungen für ein ungeborenes Lebewesen zu treffen. Wenn bei Föten Gene ausgetauscht werden, die im Verdacht stehen Behinderungen zu verursachen, müssen wir uns fragen, ob es moralisch vertretbar ist, einen Menschen komplett zu verändern, statt unser Verhalten und unseren Umgang mit Behinderung zu hinterfragen.

(3) Es wird offensichtlich, dass die Technik in Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird. Schon heute werden zum Beispiel durch Fitnessarmbänder massenhaft Daten über Bewegungsmuster, den Schlaf oder die Ernährungsweise der Nutzer*innen gesammelt und gespeichert. Neben der zweifelhaften Selbstoptimierung für eine von Erfolg getriebene Leistungsgesellschaft, wird hierbei oftmals vernachlässigt, dass solche Daten von Staaten und profitgierigen Unternehmen ausgenutzt werden können – zum Beispiel von Krankenversicherungen als Rechtfertigung für abgelehnte Leistungen.

Ein anderes Beispiel sind technisch-maschinelle Prothesen. Einerseits dienen sie dazu, Körperteile, die verloren wurden oder nie vorhanden waren, zu ersetzen und ermöglichen ihren Träger*innen auf diese Weise mehr Teilhabe und Bewegungsfreiheit. Andererseits ist es denkbar, dass sie irgendwann so effizient werden, dass es attraktiv wird, vorhandene Körperteile gegen künstliche auszutauschen. Darüber hinaus könnten sie in Zukunft sogar Voraussetzung für bestimmte Berufe werden. 

Die Entwicklungen machen selbst vor unserem Sexualleben keinen Halt: Sexroboter werden menschenähnlicher, erlernen das Algorithmus-gesteuerte Befriedigen und etablieren sich zunehmend in der Gesellschaft. Der bekannte Zukunftsforscher Ian Pearson geht sogar davon aus, dass wir schon im Jahr 2050 Sexroboter den menschlichen Partner*innen vorziehen werden.
Diesen Beispielen zugrunde liegend ist die Frage, welche Rolle der Staat in den bereits geschehenen und noch zukünftig liegenden Prozessen hat. Wo muss er schützen, wo muss er Freiheit und Selbstbestimmung gewähren, wo muss er Sorge tragen, dass die neuen Technologien nicht nur einigen Privilegierten vorbehalten sind? Politiker*innen dürfen die Verantwortung nicht scheuen, sich diesen Themen zu stellen und wegweisende Entscheidungen zu treffen.

Aber nicht nur auf technischer Ebene wird die Zukunft des Körpers neu verhandelt. Auch die Philosophie geht neue Wege. Judith Butler postulierte gar die Auflösung des biologischen Geschlechts – eine der wichtigsten Kategorisierungen des Körpers – als soziales Konstrukt. Man kann das als einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer diskriminierungsfreien Gesellschaft sehen. Man kann aber auch vermuten, dass andere Kategorisierungen an Wichtigkeit zunehmen, wenn das Geschlecht unwichtiger wird. Wodurch die Differenzbildung nicht vermieden worden wäre, sondern nur verschoben.

Obwohl die Wissenschaft schon längst neue Erkenntnisse hervorgebracht hat, hinkt die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema hinterher. Was am Anfang so abstrakt erscheint, ist jedoch absolut persönlich. Es geht nicht um irgendwelche Körper. Es geht um unsere Körper. Es geht um deren Entwicklung und unseren Platz in der Welt. Wir finden: Höchste Zeit, in die Debatte einzutauchen und sie aktiv mitzugestalten!