Julia Zech von Stereo Naked

Ich finde das Thema "keinraumwohnung" spannend, da ich im Laufe der letzten Jahren oft umgezogen bin, in Köln und in Paris, und dadurch von den steigenden Mietpreisen von Jahr zu Jahr selbst betroffen war.

Ich bin wie viele Musiker auf eine bezahlbare/niedrige Miete angewiesen um meinen Beruf überhaupt ausüben zu können - und dafür hat sich die Lage in den Großstädten sehr verschärft. Wer als Künstler keinen alten Mietvertrag hat, wird an immer fernere Stadtränder gedrängt, oder entscheidet sich wie ich nun für das Landleben. (Ich wohne derzeit ca. 80 km nördlich von Paris). Es hat sich für mich schon immer falsch angefühlt viel Geld zu erarbeiten und letztendlich jeden Monat wieder verlieren zu müssen, um irgendwo einfach nur sein zu dürfen. Eine niedrige Miete nimmt den Druck aus dem Alltag und lässt mehr Zeit zum Kreativsein.
Das Kernproblem ist für mich klar der Kapitalismus, dem nicht genug Grenzen gesetzt werden. Dass Wohnungen als Kapital gekauft werden dürfen und dann mitten in den Städten leer stehen, ist schon ein Wahnsinn. Aber in Paris habe ich auch ein positives Beispiel gesehen: Dort gibt es die staatliche Sozialwohnungen (HLM) nicht nur in den Vorstädten, sondern auch überall im Zentrum verteilt. (Auch wenn es mittlerweile schon so lange Wartelisten gibt, dass es fast ein Lottogewinn bedeutet dort zu wohnen.)

Dass das Open Ohr dieses Jahr nicht stattfindet, ist für mich besonders schade, da ich zum ersten Mal mit meiner Band Stereo Naked am Drususstein gespielt hätte. Ich bin in der Nähe von Mainz aufgewachsen und kenne das Festival, seitdem ich 14 bin. Eigentlich war mein Terminkalender bis Mitte nächsten Jahres voll mit vielen Touren und Festivals, und zumindest für dieses Jahr gibt es da nicht mehr viel Hoffnung. Aber jetzt habe ich eben Zeit um neue schöne Musik zu schreiben, auch, und zum Glück, weil ich nicht viel Miete aufbringen muss.

Julia Zech (Stereo Naked)

Foto: © Bodo von Zitzewitz

Foto: © Bodo von Zitzewitz