Eveline Lemke, Thinking Circular®

20. Mai 2020

OPEN OHR Festival – Fragen und Antworten

Es antwortet: Eveline Lemke, Thinking Circular®

OPEN OHR Festival: Mit welchen Fragen in Bezug auf das Thema Wohnen beschäftigt sich Thinking Circular®?

Eveline Lemke: Thinking Circular® verfolgt die Vision einer Welt ohne Abfall. CO2 in der Atmosphäre ist das auch und verursacht den Klimawandel. Wir wollen, dass alle Produkte, Materialien, Flüssigkeiten und Stoffe Mensch und Natur verträglich sind und in einem ewigen Kreislauf geführt werden können. In den Wegwerf-Kulturen der Welt werden 97 % aller Gegenstände weggeworfen. Was für ein Irrsinn! Wir wollen, dass 100 % weiter genutzt werden können. Unser Ziel ist, die Circular Economy als neues ökonomisches Modell vorzustellen und zu erklären. Es ist ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell, welches uns das Überleben auf dem Planeten sichern sollte. Um zu Ihrer Frage zu kommen: Was heißt das jetzt für die Bauwirtschaft?

Der größte Müll-Massenstrom entsteht in der Bauwirtschaft. Und der Abfall landete eben oft in alten bergbaulichen Löchern, aus denen vorher mineralische Baustoffe entnommen wurden. Damit muss aber Schluss sein. Es wandern auch gefährliche Abfälle mit und als Müllimportland machen wir uns selbst zur Mülldeponie. Das geht nicht. Wir wollen deshalb am Beginn ansetzen, beim Bauen selbst. Wir konzentrieren uns dabei auf die industrielle Seite der Bauwirtschaft, die Produkte zum Bauen herstellt. Jedes bauliche Produkt sollte reparierbar sein. Dafür muss es zerlegbar sein; es braucht eine Dokumentation über eingesetzte Baustoffe, Materialien, damit noch Jahre später Bauprodukte repariert, umgebaut, ersetzt oder recycelt werden können. Das weiß fast keiner. Wir wollen, dass der Bau durch diesen Umbau und Zerlegbarkeit auch den Bedürfnissen von Nutzern in der Zukunft angepasst und Materialien in einem Kreislauf geführt werden. Baustoffrecycling ist in vieler Hinsicht heute schon möglich, wird aber nicht umgesetzt. Als Ministerin hatte ich dazu sogar eine Initiative im Land gestartet. Aber so etwas verhallt, wenn keiner dranbleibt. Schulungen bei denen, welche die Bauwirtschaft beauftragen und investieren, tut not. Also auch beim Staat. Der wird per Kreislaufwirtschaftsgesetz, welcher in der Zukunft in § 45 verpflichtet werden soll, Recyclate einzukaufen. Das ist ein erster Schritt. Aber die Qualität muss auch stimmen. Zwecks Steuerung dieses Ziels als Managementprozess benutzen wir Lebenszyklusanalysen und die Messung der Zirkularität. Auch Bauen kann erneuerbar sein. Der Holzbau spielt hier eine große Rolle, aber wo finden wir ihn in Mainz? Und ich erinnere daran, dass auch Baumaterial knapp wird. Ressourcenknappheit müsste uns schon fast von alleine dazu bewegen, die Kreislaufwirtschaft einzuführen. Wussten Sie, dass Sand knapp ist?
Unser Thinktank vermittelt aber vor allem zwischen Planern, Investoren und Materialanbietern bei Projekten. Die Moderation und Begleitung eines solchen Veränderungsprozesses hin zum ökologisch zirkulären Produkt oder Bau mit einer Zertifizierung der Zirkularität oder gar einer Cradle-To-Cradle Zertifizierung ist unser Ziel. Uns interessiert vor allem das „Greening der Industrie“.

OPEN OHR Festival: Was hat Thinking Circular® motiviert, am OPEN OHR Festival teilzunehmen?

Eveline Lemke: Die Kunst ist der Spiegel der Gesellschaft – und eben dafür braucht es offene Ohren. Open Ohr bietet genau das. Hier wird der Finger in die Wunden der Gesellschaft gelegt, aber auch Lösungen angeboten. In der Zukunft geht alles darum einen positiven „Impact“ zu haben. Jede unserer wirtschaftlichen Tätigkeiten muss positiv und nachhaltig zum Zusammenleben auf diesem Planeten beitragen. Open Ohr thematisiert das in einem lockeren Format. Das passt auch gut zur offenen Stadt Mainz, die gerne in die Zukunft denkt.

OPEN OHR Festival: Was sind die aktuellen Probleme in Bezug auf Wohnen aktuell und in der Zukunft?

Eveline Lemke: Aktuell denkt jeder an COVID-19 und daran, mit Kindern zu Hause im Homeoffice eingepfercht zu sein. Die Urbanisierung als Trend des letzten Jahrhunderts erhält aber vor dem Hintergrund des Virus eine neue Wendung. Jetzt wird wieder das Leben im Freien und an der frischen Luft empfohlen, um virusverseuchten Aerosolen aus dem Weg zu gehen. Und das passiert, direkt nachdem wir einen Lock-Down hatten. Welche Lehre ziehen wir daraus? Vielleicht wird der Trend zur Urbanisierung auch gestoppt, weil die Kunst in Corona-Zeiten derzeit nicht überlebt und das Leben in der Stadt droht, langweilig zu werden? Open Ohr findet wegen des Virus nicht statt… Urbane Räume sind aber genau deshalb spannend, weil sich viel Kultur in ihnen ballt. Und die exorbitanten Mieten fallen, weil Wohnraum in den Städten nicht mehr an Touristen vermietet wurde. Vielleicht erleben wir in mancher Hinsicht eine Normalisierung der Mietraumsituation.

Aber das alles zeigt: Es gibt planetarische Grenzen, die uns die Natur steckt und die wir zu beachten haben. Tun wir das nicht, schlägt die Natur zurück und wir müssen unser Verhalten korrigieren. Gerade passiert das. Wir sollten mehr von der Natur lernen und präventiv agieren! Deshalb sind grüne urbane Räume, in denen Fahrradfahrer und Fußgänger das Sagen haben so interessant. Genau hier sollten Stadtplaner und kommunale Politik massiv weiter dran arbeiten. Interessant ist, dass sogar Metropolen wie London nun lernen und durch Corona 30 % der Straßenflächen zu Fahrradwegen umbauen, damit die Menschen Fahrrad statt Auto oder U-Bahn fahren. Es ist die Gunst der Stunde, die nun die klimafreundliche Gestaltung der urbanen Räume ermöglicht. Wir alle sollten sie nutzen und ich wünsche verantwortlichen Politikern dazu viel Mut!

Interview zum Download

Foto: © Eveline Lemke

Bilder: © Thinking Circular® und Entreptreneurs for Future

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