Denijen Pauljević

Die Aussicht, das erste Mal am Open Ohr Festival teilzunehmen, seine Besucher*innen und die Stadt Mainz ein wenig kennenzulernen, hat mich sehr gefreut. Aber. Es kam leider anders. Wirklich überraschend.

Keine waschechte Zombie-Apokalypse, das wäre einfacher zu handhaben und zu überblicken, wahrscheinlich, viel besser als eine nur unter Mikroskop erkennbare Gefahr, die unser gewohntes Leben völlig aus der Bahn wirft und eine Endzeitstimmung herbeiruft.

Noch ändert sich nicht viel in meinem Alltag, immer noch sitze ich am Schreibtisch und arbeite an einem Roman, meine Lektorin freut sich auf die gemeinsame Überarbeitung, ein Theaterprojekt, mit dem ich gerade beschäftigt bin, verwandelt sich in ein Filmprojekt. Aber es werden Festivals, Workshops, Lesungen und andere Aufführungen abgesagt, das macht sich natürlich bemerkbar, die Dynamik meiner Arbeitstage wird langsam anders und finanziell werde ich das erst ab dem Herbst spüren.

Ich frage mich, wie sich das Wohnen und die Situation auf dem Immobilienmarkt entwickeln werden, gerade unter dem Aspekt der Corona-Katastrophe. Das ist noch offen, es gibt positive Stimmen, aber die Erfahrung zeigt, die negativen erweisen sich leider meistens als richtig.

Da das Programm des Open Ohr Festivals noch nicht fertig war, weiß ich nicht einmal, was ich alles verpasst hätte. Ich habe einen skurrilen Text vorbereitet, über eine Romni aus Serbien, die sich illegal in München aufhält und auf einen gerade obdachlos gewordenen Rentner trifft, dabei zieht sie Parallelen zu Wohn- und Lebenssituation in ihrer Heimat und findet die Lösung ihrer Probleme auf einem Münchner Friedhof.

Mit Claudia Parton hätte ich den Workshop "Wohnräume als Menschenrecht" vor dem und im Tiny Temple gemacht und ein Tiny House einbezogen, dabei meine Erlebnisse als Illegaler eingeflochten, und auch über Probleme von geflüchteten Jugendlichen in München erzählt, die in der Arbeit und während der Ausbildung ausgebeutet werden und kaum an eine Bleibe rankommen können. Claudia und ich hätten den Teilnehmenden des Workshops die Möglichkeit gegeben, sich mit Fragen auseinanderzusetzen: Was brauche ich, um mich in meiner Wohnung gut zu fühlen? Hat jeder Mensch den gleichen Zugang? Wohin gehen Menschen, wenn ihr Zuhause mehr oder weniger ein Schlafplatz ist, an dem sie sich nicht gern aufhalten? Diese Fragen wären literarisch verarbeitet gewesen - als Poetry Slam, Kurzprosa oder in Form eines Theaterstücks.

Bleibt zu hoffen, dass wir uns eines Tages alle begegnen werden.

Foto: © Volker Derlath

Foto: © Volker Derlath