WEGWERFWARE MENSCH


Das Thesenpapier 2017
[PDF, 136 KB]

(1) Sklaverei ist kein Thema von gestern – es ist aktueller denn je. Gegenwärtig sind mehr Menschen versklavt als jemals zuvor. Ein Menschenleben ist so billig wie nie. Millionen Menschen sind weltweit zur Wegwerfware geworden – sie werden gezwungen, bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu arbeiten oder sogar darüber hinaus. Ist das Individuum verschlissen, wird es entsorgt und ausgetauscht. Oft sind es Armut und falsche Versprechungen, die in Abhängigkeiten unvorhersehbaren Ausmaßes führen und zahlreiche Menschen in Schuldknechtschaft, Zwangsprostitution, Kinderarbeit oder Wirtschaftssklaverei zwingen. Einmal in diesem Teufelskreis gefangen, gibt es für sie kaum eine Möglichkeit, sich der Situation zu entziehen. Der fehlende Zugang zu Bildung, der Mangel an finanziellen Mitteln und die hierdurch geringen Möglichkeiten, sich rechtlichen Beistand zu verschaffen, machen arme Menschen zu leichter Beute. Ausweg- und Schutzlosigkeit ermöglichen es Sklavenhändlerinnen und Sklavenhändlern sowie Sklavenhalterinnen und Sklavenhaltern, sie in die Fesseln moderner Sklaverei zu legen.

(2) Seit der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im Jahre 1948 sollte jeder und jedem Einzelnen ihre und seine Würde rechtlich zugesichert und Sklaverei international verboten sein. Mit Blick auf deren praktische Umsetzung hat sich aber auch fast 70 Jahre danach kaum etwas verändert; Sklaverei lässt sich nur schwerer fassen. Die klassische Gegenüberstellung von Gut und Böse, von Täterin, Täter und Opfer sowie nicht zuletzt von Sklavin und Sklave gegenüber Sklavenhalterin und -halter ist nicht mehr gültig. Heute ist es oft nicht mehr eine einzelne Person, die eine andere versklavt: Ein Blick hinter die Fassade offenbart ein Geflecht aus neuen Abhängigkeitsformen und (un-)bewussten Mittäterschaften, in dem die Anklage einer Interessengruppe häufig eine Kette aus weiteren Profiteuren nach sich zieht. Dieses Netzwerk mit seinen Auswirkungen auf die darin  ausgebeuteten Menschen muss stärker in den Fokus genommen werden.
   Nicht zuletzt der Fabrikeinsturz von Rana Plaza rückte die Sklavenarbeit in der Textilbranche ins Blickfeld der weltweiten Öffentlichkeit. Der Einsturz des Produktionsgebäudes für Kleidung in Bangladesch, der sehr viele Menschen das Leben kostete, sorgte für Diskussionen über menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse. Im gleichen Atemzug verweisen Betroffene, Medien, Hilfsorganisationen, Aktivistinnen und Aktivisten auf weitere Missstände. Die Berichte von wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung, Kinderarbeit sowie weiteren Formen von Sklaverei machen fassungslos. Vor diesem Hintergrund stellt sich die dringende Frage, was solche Zustände in der heutigen Zeit noch immer ermöglicht. Wie kann es sein, dass – trotz des weltweiten Verbots – Sklaverei und sklaverei-ähnliche Arbeitsbedingungen in jedem Staat unserer Welt Realität sind? Neben Armut ist Regierungskorruption eine bedeutende Ursache. Wenn Gesetze gegen Verschleppung, Menschenhandel und Sklaverei nicht angewandt und die Rechte der Menschen auch von einer vielerorts korrupten Polizei nicht geschützt werden, können die, die über die Mittel der Gewalt verfügen, ihre  Mitmenschen versklaven.

(3) Die Wirtschaft ist die größte Triebfeder moderner Sklaverei. Sie entbindet sich weitgehend jeglicher moralischer Verantwortung, nutzt Schlupflöcher der nationalen und internationalen Rechtssysteme und handelt vorwiegend nach ihren eigenen Regeln. Nach klassischem Prinzip gilt es, einen möglichst großen Gewinn bei möglichst geringen Produktionskosten zu erzielen. Insbesondere bei großen  Unternehmen erstrecken sich Liefer- und Produktionswege um den gesamten Globus. In diesem weitverzweigten System bezahlen vor allem andere für unseren Konsum. Sie arbeiten zur Gewinnung von Rohstoffen wie Coltan, Gold und seltenen Erden, bauen in Landwirtschaft Gemüse an oder fertigen Waren. Die wirtschaftliche Globalisierung entkoppelt Produktion und Konsum und macht so die produzierenden Hände für uns unsichtbar. Ob unser Kaffee, unser Smartphone, unsere Kleidung, unser Laptop, unsere Schokolade, unsere Schuhe oder das Spielzeug unserer Kinder – hinter all dem steckt in den meisten Fällen die Arbeit moderner Sklavinnen und Sklaven. Ungefähr 60 von ihnen arbeiten für jede und jeden von uns, ohne unsere direkte Veranlassung (Evi Hartmann, Wie viele Sklaven halten Sie?).

(4) In Anbetracht dessen stellt sich ein Gefühl der Beklemmung und Ohnmacht ein: „Kann ich überhaupt etwas dagegen tun?“ Es ist möglich, Dinge zu verändern, die Frage ist nur wie. Dabei gilt, sich zu informieren, aufzuklären und andere zu sensibilisieren, um an den bestehenden Verhältnissen etwas zu ändern. Vor allem wir als Verbraucherinnen und Verbraucher entscheiden, was konsumiert und damit produziert wird.
   Auf dem 43. OPEN OHR Festival wollen wir uns unter dem Titel „Wegwerfware Mensch“ mit den Mechanismen moderner Sklaverei beschäftigen, ihre verschiedenen Aspekte diskutieren und unser Handeln hinterfragen. Lasst uns so gemeinsam die unsichtbaren Hände der versklavten Menschen sichtbar machen!

Die Freie Projektgruppe