So jung kommen wir nicht mehr zusammen
Keine Generation vor uns durfte sich auf ein so langes Leben freuen wie die heutige, Tendenz stetig steigend. Allein hierzulande ist die durchschnittliche Lebenserwartung in den letzten 50 Jahren um zehn Jahre angestiegen. Wer würde das nicht als gute Nachricht auffassen? Eine erfreuliche Entwicklung, die jedoch auch gleichzeitig die Gesellschaft vor einige Herausforderungen stellt. So kommt es, schlägt man die Zeitungen auf, dass diese Errungenschaft unweigerlich von Schlagworten begleitet wird, die eher ernüchternd wirken und die Freude dämpfen: Rentendebatte, Überalterung der Gesellschaft, Altersarmut, Pflegegeld, Demenz. In was für eine Welt wachsen wir, die Alten von morgen, da hinein und mit welchen Problemen haben bereits die Alten von heute zu kämpfen?
Alt aber arm
Die Schwierigkeiten sind vielfältig und tiefgreifend: Niemand weiß so recht, wie die Renten in Zukunft finanziert werden sollen, der Generationenvertrag wird schrittweise aufgekündigt und die Altersvorsorge, die früher von der gesamten Gesellschaft getragen wurde, wird heute zur Privatsache. Keine schönen Aussichten. Viele Menschen sehen einem Lebensabend mit großen Geldsorgen entgegen. Schlimm genug, im Rentenalter noch arbeiten zu müssen um zu überleben. Noch schlimmer, dann keine Arbeit zu finden, weil der Arbeitsmarkt zunehmend nach jungen und flexiblen Menschen verlangt.
Bloß nicht pflegebedürftig werden!
Die medizinische Forschung der letzten Jahrzehnte hat große Fortschritte gemacht, altersbedingte Krankheiten können besser behandelt werden und dennoch ist für viele Menschen eine der größten Ängste des Alterns die nachlassende Gesundheit: Bloß nicht pflegebedürftig werden, denn das bedeutet immerhin für ein Drittel der Betroffenen, dass sie ins Pflegeheim müssen, da heutzutage die Angehörigen in diesen Fällen nicht die Kapazitäten haben, sich selbst um die Pflegebedürftigen zu kümmern.
Die Verantwortung muss dann abgegeben werden, ob sie wollen oder nicht.
Leider häufen sich die Berichte über unzureichende Versorgung und Personalmangel in Pflege- und Altenheimen. Kein Wunder, dass da die Angst größer wird.
Gesellschaft am Krückstock?
Die politischen Probleme sind groß und vielfältig und an vielen Stellen fehlt ein Bewusstsein dafür, dass wir heute nicht nur über die derzeitige Situation entscheiden, sondern auch darüber, wie wir unseren eigenen Lebensabend verbringen werden. Zu wenige aussichtsreiche Lösungsansätze sind in Sicht und überhaupt wird das Altern häufig als unpopuläres und unangenehmes Thema empfunden.
Gemeinsam altern
Betrachten wir das Phänomen des Alterns im menschlichen Miteinander, sind viele Veränderungen zu erkennen: Familienstrukturen haben sich grundlegend gewandelt, Altersbilder in den Medien sind geprägt vom Klischee der vitalen, junggebliebenen Alten, das Verhältnis von Jung zu Alt kehrt sich nach und nach um. Was sagt das über eine Gesellschaft aus und wohin führen uns solche Veränderungen? Die Meisten von uns verbinden viele schöne Erlebnisse mit dem Altsein, nehmen die Großeltern doch oft eine besondere Rolle im eigenen Großwerden ein. Es darf schließlich nicht vergessen werden, wie viel Wissen, wie viel gelebte Geschichte und Erfahrungen insbesondere ältere Menschen bereit halten. Gewiss hat sich Vieles geändert, die weit verbreitete Ein-Kind-Familie löst die früher selbstverständliche generationsübergreifende Großfamilie ab und der Kontakt zu älteren Menschen ist nicht mehr so alltäglich wie noch vor einigen Jahrzehnten. Dies hat mitunter zur Folge, dass es an Bewusstsein für die Lebenssituation älterer Menschen mangelt, obwohl sich deren grundlegende Bedürfnisse im Grunde kaum von denen anderer Altersgruppen unterscheiden.
So ist beispielsweise die Möglichkeit, auch im Alter ein selbstbestimmtes
Leben zu führen häufig nicht ausreichend gegeben. Der Aspekt der Selbstbestimmung spielt genauso für jüngere Generationen eine wesentliche Rolle. Natürlich wollen wir selbst entscheiden können, auch darüber, wie wir im Alter leben werden und gerade deshalb müssen wir uns jetzt damit auseinander setzen, denn für wen gehören die Wörter Lebensabend und genießen nicht zusammen?
Heute schon an morgen denken
Dieses Thema betrifft uns alle, niemand kann sich dem auf Dauer entziehen. Seien es eigene Tabus und Klischees, die zu Tage treten, Vorstellungen und Wünsche des eigenen Alterns oder ganz konkrete Fragen wie die, ob ich meine eigenen Eltern pflegen würde, ob es anders ist, im Alter verliebt zu sein oder ob es Themen gibt, die ich mit zunehmender Lebenserfahrung gelassener angehe. Neben seiner gesellschaftlichen und politischen Bedeutung ist das Alter ein überaus persönliches und emotionales Thema, mit dem wir uns immer wieder auf die ein oder andere Weise beschäftigen. Lasst uns dies auf dem 39. OPEN OHR Festival bewusst gemeinsam tun! Lasst uns unsere eigenen Altersbilder austauschen und hinterfragen, mit Tabus und Klischees brechen und Ängste und Sorgen sowie Hoffnungen und Erwartungen miteinander teilen! Die Chancen auf ein langes Leben werden immer größer, also sollten wir alles dafür tun, es so unbeschwert und erfüllt wie möglich zu verbringen und das Potenzial, das eine alternde Gesellschaft bereit hält, zu erkennen und zu nutzen. Denn so jung kommen wir nicht mehr zusammen!