Das Thema 2012
SYSTEM NEU STARTEN?
Rien ne va plus – das war das Thema des OPEN OHR Festivals 2011, bei dem wir uns mit der Macht des Geldes und den Spielregeln des Finanzmarktes beschäftigten. Der noch immer bestehende Eindruck, dass „nichts mehr geht“ in unserer krisengebeutelten Zeit, ist allerdings nicht allein eine Frage des Geldes: Wertekrise, Systemkrise, Glaubenskrise, Finanzkrise, Atomkrise, Eurokrise, Machtkrise, Wirtschaftskrise, Gesellschaftskrise, Krise, Krise, Krise … Es
sieht übel aus!
Trotzdem wird am Status quo festgehalten und der Versuch unternommen, ihn vor dem totalen Zusammenbruch zu bewahren. Die Auswirkungen der größer werdenden Kluft zwischen arm und reich sind für viele deutlich zu spüren. Heute fiebern wir mit, während andere Staaten ihre Machthaber stürzen, entscheiden uns wöchentlich zwischen Ausgehen und Demonstrierengehen, hinterfragen die Integrität unserer Informationslieferanten und sind damit nicht allein. Überall prüft man kritisch den eigenen Lebensstandard und stellt Regierungsformen so vehement infrage wie schon lange nicht mehr. Augenscheinlich schrumpft das Vertrauen in die politischen Strukturen, da die „Volksvertreter“ ihre Entscheidungen fernab der Menschen treffen. Die Unzufriedenheit wächst und die Welt ist an einem Punkt angelangt, an dem viele zu dem Fazit gelangen, dass es so nicht weitergehen kann. Ein Wandel muss her. Immer mehr Menschen sehen Handlungsbedarf und setzen sich in Bewegung, allerorts brodelt es, kribbelt es – da geht offenbar noch Einiges!
Das Jahr 2011 sah ein bemerkenswertes Aufbegehren in etlichen Teilen der Welt: Der Aufstand der tunesischen Bevölkerung gegen ihre Machthaber im Frühling des Jahres setzte in der gesamten arabischen Welt ein revolutionäres Potenzial frei. Ägypten und Libyen folgten dem Beispiel der Tunesier, ebenso einige andere arabische Staaten. Der Aufbruch in eine neue Zukunft scheint geschafft – ob diese Versuche auch den gewünschten Befreiungsschlag mit sich bringen, bleibt abzuwarten.
In den westlichen Demokratien verstärkt sich ebenfalls die Tendenz, in eine neue Zukunft aufzubrechen. In Europa sind es insbesondere die Griechen, die beharrlich ihren Unmut auf die Straße tragen: Radikale Auflagen verschärfen dort die soziale Notlage, Lohn- und Rentenkürzungen, massive Einsparungen und Privatisierungen im öffentlichen Sektor, großflächiger Personalabbau – diese und weitere Sparmaßnahmen führen dazu, dass mittlerweile ein beachtlicher Teil der griechischen Bevölkerung um seine Existenz bangen muss. Das größte Sorgenkind der Eurozone zeigt damit seinen Nachbarn, was auch ihnen bevorstehen könnte. Denn nicht nur in Griechenland werden drastische Maßnahmen getroffen, um unser marodes Wirtschaftssystem vor dem Kollaps zu bewahren.
Als spanische „indignados“ (Empörte) am 15. Mai 2011 erstmals öffentliche Plätze besetzten, war dies eine Aktion mit Vorbildcharakter. Mit „Democracia Real YA“ (Echte Demokratie Jetzt!) wurde zugleich ein Schlagwort geprägt, das seither auch Empörte anderer Nationen im Munde führen. Auch in Deutschland geht man wieder vermehrt auf die Straße: Ausdauernde und generationsübergreifende Initiativen wie die Anti-Atomkraft-Demonstrationen und der Protest gegen „Stuttgart 21“ zeugen davon, dass die Bürger mehr
Beteiligung an gravierenden Entscheidungen einfordern.
Richtet man den Blick über den großen Teich, sieht man zahlreiche Menschen, die unter der Losung „Occupy …“ – ausgehend von der symbolträchtigen Besetzung der Wall Street – lautstark die Allmacht der Märkte anprangern. Egal wie die Bezeichnungen lauten, es geht um das gleiche Dilemma. Denn die logische Folge der Kritik am Wirtschaftswesen ist der Zweifel am bestehenden demokratischen System: Wessen Interessen werden hier vertreten?
Im gesamten Euroraum sowie in den Vereinigten Staaten werden in dieser Krisenzeit auf politischer Ebene zahlreiche Entscheidungen getroffen, die weitreichende Folgen haben und bei denen die Bevölkerung nicht das geringste Mitspracherecht hat. Während die Entscheidungsträger die von ihnen erdachten Maßnahmen als „alternativlos“ präsentieren (immer wieder wird von „retten“ gesprochen), breitet sich unter den Bürgern der Eindruck aus, dass sie dabei den Kürzeren ziehen – und viele sind nicht bereit, dies hinzunehmen.
Ein kollektives Aufwachen ist zu beobachten. Wo man auch hinsieht, regt sich etwas – Menschen versammeln und organisieren sich, suchen neue Wege der Information und Kommunikation und machen sich aktiv Gedanken, wie ein Wandel herbeizuführen sein könnte. Ihre Netzwerke tragen Namen wie „Occupy …“, „Anonymous“ oder „Echte Demokratie Jetzt!“. Sie kommen ohne Gallionsfiguren aus und sind so heterogen, dass sie weder voneinander, noch von bestehenden Initiativen eindeutig abzugrenzen sind. Trotz etlicher Unterschiede konkurrieren sie nicht etwa miteinander, sondern gießen vielmehr mit jedem Aufbegehren neues Öl in das Feuer einer internationalen Protestdynamik. Die Akteure, die sich vor allem in ihrem Unmut über die herrschenden Umstände einig sind, sind in einem noch nie da gewesenen Maße untereinander vernetzt – so kann die Bewegung nicht nur aufgrund ihrer Motivation, sondern auch aufgrund ihrer Erscheinung als das wahre Kind
der Globalisierung bezeichnet werden.
Doch was will sie? Wie es aussieht, ist diese Frage nicht so leicht zu beantworten. Kritiker der derzeitigen Bewegung (wenn man denn von einer Bewegung sprechen kann) werfen ihr vor, keine klaren Ziele und Forderungen zu formulieren, geschweige denn mit Alternativen dienen zu können. Dabei lassen sie jedoch außer Acht, dass es sich hier um keine einheitliche
Gruppierung handelt, sondern um Individuen, die etwas anstoßen und verändern wollen. Wie gemeinsame Forderungen aussehen könnten, ist ebenso schwer auszumachen, wie der Frage nachzugehen, an wen man sie richten sollte in einem politischen System, dem man bereits das Vertrauen entzogen hat.
Die Reaktionen der Politik sind ähnlich diffus wie die Bewegung. Vereinzelt bekundet man Sympathie, noch häufiger aber scheint man froh zu sein, das Phänomen nicht allzu ernst nehmen zu müssen – denn was passiert schon groß, außer dass Hunderttausende auf die Straße gehen und irgendwie „gegen“ irgendetwas sind? Unübersehbar sind die Empörten, aber ihre Entschlossenheit irritiert die politische Elite nicht. Auch stellt sich ein methodisches Problem: Wen ansprechen in einem Netzwerk ohne Sprecher, ohne Anführer?
Wie sich auseinandersetzen mit einer Initiative ohne klar definierte Forderungen? Es ist ungewiss, ob diese „Unfassbarkeit“ der Bewegung auf lange Sicht ihre Achillesferse ist oder ihre große Stärke. Wie auch immer wir diese Entwicklung betrachten, Fakt ist, dass ein Stein ins Rollen gekommen ist, dass etwas in Gang gesetzt wurde, das bei aller Skepsis vermutlich
nicht so leicht aufzuhalten sein wird. Es ist eine Dynamik spürbar, die die Hoffnung stärkt, dass wir durch unser Aufwachen, Aufbegehren und Aufbrechen einen nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen und neue Wege des globalen menschlichen Zusammenlebensbeschreiten können. Mal ganz ehrlich: Wem treibt der Gedanke daran keinen Glanz in die Augen? Also dann, setzen wir uns in Bewegung! Wir sind bereit zum Aufbruch – wohin soll die Reise gehen?
Natürlich erst mal auf die Zitadelle. Denn das 38. OPEN OHR Festival widmet sich 2012 diesem kollektiven Aufwachen und Aufstehen und will die wichtigsten Aspekte des allgemeinen Aufbruchs beleuchten. Gemeinsam mit unseren Besuchern sowie Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst, Gesellschaft und Medien möchten wir uns über das Wie und Warum, über Hintergründe und Zukunft des Aufbegehrens austauschen.
Die Freie Projektgruppe, Januar 2012