Das Thema 2016

"HEIMAT - Was zum Kuckuck?!":


Das Thesenpapier 2016 
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(1) ‚Heimat‘ – was ist das? Ist es das, was jeder hat und möchte? Braucht man das? Auf der einen Seite suchen wir sie, auf der anderen Seite legt sie fest, stereotypisiert und dogmatisiert: ‚Heimat‘. Nur in der deutschen Sprache gibt es diesen Begriff mit dieser Bedeutung und in so vielen Begriffszusammenhängen. Dabei haben gerade die Deutschen ein sehr spezielles Verhältnis zu ihrem Heimatland.
Die Gründe liegen klar in der Geschichte, ist Deutschland hier doch immer wieder Sonderwege gegangen und hat durch seinen übersteigerten  Nationalismus letztendlich zwei Weltkriege ausgelöst. Der deutsche Staat ist auf einem negativen Gründungsmythos aufgebaut, der bis heute deutsche Befindlichkeiten in Bezug auf Identität und Nationalität prägt. Als im Sommer 2006 zahlreiche Fußballfans mit Deutschlandfahnen ihre Begeisterung ausdrückten, löste dies Debatten über Heimatstolz und Patriotismus aus: Kann man stolz auf ein Land sein? Kann man stolz auf sein Land sein? Und darf man das überhaupt?
‚Heimat‘ ist also ein Begriff, der irritiert. Es ist nicht nur ein Ort, sondern es sind
auch Werte, Gefühle und Traditionen, die prägen. Kann man das teilen? Kann die ‚Heimat‘ des einen auch die ‚Heimat‘ des anderen werden?
Im letzten Jahr haben wir uns die Frage gestellt, wie Deutschland Flüchtlingen durch politische Entscheidungen den Weg zu einer neuen ‚Heimat‘ ebnen kann. In Bezug darauf wollen wir uns dieses Jahr fragen, ob die ‚Willkommenskultur‘ mehr als ein weiteres ‚Sommermärchen‘ ist. Wie können ‚Heimaten‘ zusammenfinden und stehen die Deutschen auf Grund ihrer Geschichte hier besonders in der Pflicht?

(2) Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich und fordern einen humanen Umgang mit Schutzsuchenden aus anderen Ländern. Sie wollen ihre ‚Heimat‘ öffnen. Andere nicht. Aus Angst vor ‚Überfremdung‘ gehen sie auf die Straße und bekennen sich zu rechtspopulistischen Thesen wie die der AfD oder Pegida.
Wovor haben diese Menschen tatsächlich Angst? Welche ‚Heimat‘ versuchen sie zu schützen?
Andere haben ihre ‚Heimat‘ verloren. Es ist ihnen nicht möglich, dort sicher und in Würde zu leben. Viele suchen Zuflucht in Deutschland und Europa, manche temporär, manche auf Dauer. Wie viel ‚Heimat‘ kann Deutschland ihnen bieten?
Laut Grundgesetz genießen politisch Verfolgte in Deutschland Asylrecht. Ein Recht auf ‚Heimat‘ gibt es allerdings nicht. In Konstrukten wie der  Staatsbürgerschaft zeigt sich immer wieder, wie wenig sich ‚Heimat‘ im Rechtssystem abbilden lässt. Erst seit 2014 müssen in Deutschland lebende junge Erwachsene mit doppelter Staatsbürgerschaft nicht mehr entscheiden, welche Nationalität sie behalten möchten. Zuvor griff ein überkommenes System, wie es nur in Deutschland existierte. Für viele Menschen sind hybride Identitäten bereits Alltag. Sie tragen zwei ‚Heimaten‘ in sich.

(3) ‚Heimat‘ ist immer in Bewegung: zunehmend weniger ein Ort, sondern vielmehr ein Gefühl. In einer globalisierten Welt verschieben sich die Dimensionen, weg vom Fassbaren hin zum Abstrakten. Durch neue Medien ist es möglich, in Echtzeit mit Menschen auf der ganzen Welt zu kommunizieren. Distanzen werden kleiner, Erreichbarkeit wird zur Norm. Das verändert unser Verhältnis zu dem, was wir ‚Heimat‘ nennen. Neben Bezugsgrößen wie Dorf, Stadt oder Region gesellen sich andere wie Lebensstil, Subkultur oder Religion. Wird ‚Heimat‘ so zum ortlosen Raum? Und wenn das so ist, wie erklärt sich dann Heimweh?
Dieses Bedürfnis zeigt sich auch in der Rückbesinnung auf Vertrautes. Neue ‚Heimaten‘ werden geschaffen, ob das nun ein Stadtviertel ist oder eine bestimmte Art, zu konsumieren. Es geht um Zugehörigkeit und Sicherheit – und letztlich um Sehnsucht? Manch einem gelingt die Rückkehr nicht, weil das, was er als ‚Heimat‘ in Erinnerung hatte, nicht mehr das ist, was es einmal war.
Müssen wir uns vielleicht damit abfinden, dass ‚Heimat‘ bloß Illusion ist, „etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“ (Ernst Bloch)? Wir möchten uns auf die Suche machen, möchten begreifen, was ‚Heimat‘ war, was sie ist und was sie sein kann.